Die Falle

Die große Falle

Also bei den meisten unserer Teilnehmer*innen läuft es so:
Es kommt ein Moment im Leben, wo man meint, jetzt müsse sich dringend was ändern. Man schaut sich um, probiert einiges, sucht weiter, filtert zunehmend geschickter und landet dann irgendwann bei Tantra.

Da tun sich für viele dann völlig neue Türen auf: Achtsamkeit ist plötzlich kein esoterischer Begriff mehr, Selbst-Bewusstsein bekommt eine neue Dimension, Geduld mit sich und anderen wird möglich, Lebensfreude und Humor kehren zurück, Uralt-Probleme lösen sich auf oder werden gut handlebar. Oft gibt es erfreuliche Veränderungen im Freundeskreis, und manchmal findet man auch eine neue Liebe.

So weit, so gut; doch genau hier kommen viele an eine Wegkreuzung, oft ohne es zu wissen. Während es in der einen Richtung weitergeht zu vertiefter Innenschau und höherer Einsicht, geht es in der anderen Richtung zu vertieften Egoblähungen und höherer Nabelschau. Das Fatale daran: Man merkt ganz lange nicht, dass man irgendwo falsch abgebogen ist, und meint im Gegenteil, ganz besonders “tantrisch unterwegs” zu sein.
Einerseits wird romantisches Träumen (“er ist die Liebe meines Lebens”, “du und ich, auf ewiglich”) mit der überpersönlichen, umfassenden, bedingungslosen Liebe (“Ich schenke meinem Gegenüber, wer immer es auch ist, Achtsamkeit und aufrichtige Präsenz”) verwechselt; andererseits wird auf dem Altar der vermeintlich bereits erlangten Egolosigkeit gerne der gesunde Hausverstand geopfert. In Folge wird noch so manches andere unheilvoll verwechselt und freudig unter der Überschrift “Tantra” aufgezählt:
Liebe wird gerne mit Verliebtheit verwechselt
Unverbindlichkeit mit Befreiung
Bindungsunfähigkeit mit umfassender Liebesfähigkeit
Ichbezogenheit mit Bewusstheit
Nabelschau mit Innenschau
unnötiges Leiden mit Tapferkeit
Selbstgerechtigkeit mit Gerechtigkeit
Energie mit Erleuchtung
offenkundige Übergriffe mit notwendigen Lernaufgaben
Hirnwichsen mit Erkenntnis
Angeberei mit Meisterschaft – um nur einige zu nennen.

Wenn du schon in der Falle sitzt, wird dir dieser Text möglicherweise wenig helfen: Es braucht viel Übung in unbarmherziger Selbsterkenntnis um sich einzugestehen, dass man möglicherweise irgendwo falsch abgebogen ist.
Wenn du aber noch an deiner Kreuzung stehst und anderen zuschaust, wie und mit welchem Resultat sie ihre Richtung wählen, dann können die folgenden knappen Definitionen vielleicht nützlich sein. Sie sind notwendigerweise nur Ausschnitte des Ganzen und lediglich als erweiterte Überschriften zu verstehen – jede würde ein eigenes Essay verdienen.

Du weißt, dass du verliebt bist, wenn die Welt nur dann Sinn macht, wenn der/die Liebste da ist und dich wiederliebt.
Du weißt dass du jemanden tatsächlich liebst, wenn ihr den ganz normalen Alltag teilt, Rechnungen zahlt, die immer deutlicher hervortretenden Macken gegenseitig toleriert, einander dabei nicht umbringt – und das mehrere Jahre lang.

Befreiung bedeutet niemals Unverbindlichkeit, also zB. sich aus einer Verantwortung davonzustehlen (etwa Kindern oder Geldgebern gegenüber). Befreiung bedeutet, dich deiner Zwänge, engen Sichtweisen, eingefahrenen Muster, deiner Vorurteile und auch deiner irrationalen Ängste zu entledigen.

Nur weil ich mich nicht auf eineN Beziehungspartner*in festlege, heißt das noch nicht dass ich Meister*in der Polyamorie bin – es kann auch einfach bedeuten, dass ich mir meine Beziehungsängste noch nicht ausreichend angeschaut habe und meiner Umgebung meine Bindungsunfähigkeit als “umfassende Liebesfähigkeit” verkaufe.

Falls du anderen laufend und ungefragt Einblicke ins eigene Innenleben aufdrängst – und sei es in noch so wohlklingenden, einfühlsamen, von psychologischen oder tantrischen Termini durchsetzten Worten – kann es gut sein dass nicht makelloses Bewusstsein aus dir strahlt, sondern du schlicht ein nervensägender Egoist bist.

Innenschau ist, wenn ich mir möglichst emotionsfrei bewusst mache, was gerade in mir vorgeht, wie es mit dem Außen in Bezug steht und wie ich bestmöglich – für mich und andere – damit umgehen kann.
Nabelschau ist, wenn sich diese Erkenntnisse unaufhörlich um mich selbst drehen und das Außen dieser selbstbezogenen Betrachtung im Spiegel untergeordnet ist.
Es gibt auch Nabelschau-Paare: Sie sind so ausschließlich aufeinander bezogen und mit ihren unglaublichen, unaussprechlichen, von keinem anderen Menschen bisher so erlebten Erfahrungen beschäftigt, dass ihre Einsichten und Erkenntnisse kein Beitrag für die Welt sind.

Tapferkeit ist, wenn ich ungewöhnlichen Mut aufbringe, also etwa meiner größten Angst ins Auge blicke und trotz meiner Panik mit möglichst klarem Geist durch die beängstigende Situation durchgehe.
Unnötiges Leiden ist, wenn ich jemandem mit meinem Mut etwas beweisen möchte und/ oder die Situation auch eine andere, schlichtere Lösung zuließe (die sich halt aber dann nicht so gut herzeigen lässt).

Selbstgerechtigkeit regt sich – lautstark oder auch nur innerlich – darüber auf, dass andere nicht die Regeln einhalten (obwohl man es selbst auch nicht mit allen Regeln immer ganz so genau nimmt).
Gerechtigkeit dagegen bemüht sich, Entscheidungen bestmöglich und nicht mit dem eigenen Interesse ganz oben auf der Liste zu treffen.

Nur weil es in deinem Körper fallweise mal kribbelt oder rauf und runter strömt, du Eingebungen hast, Gefühle ekstatischen Glücks kennst und andere dabei vielleicht sogar auch ein Stück mitnehmen kannst, heißt es noch nicht, dass die Erleuchtung schon ums Eck biegt. Sorry – das sind zwar ausgesprochen nette Energiespiele, aber eben nicht mehr als das.

Wenn jemand regelmäßig deine Pflanzen verdursten lässt, dich belügt oder vor anderen niedermacht, auf deine Kosten lebt und/oder dabei im Rausch dich und deine Kinder bedroht, so ist das kein erleuchteter Guru, der dir hilft, dein Karma abzubauen, indem er dich schwer, aber weise prüft.
Deine Lernaufgabe ist in diesem Fall nicht, auszuharren bis er sie für bestanden erklärt und sich wieder in den gütigen, liebevollen Partner verwandelt, in den du dich verliebt hast – deine Lernaufgabe ist es, Übergriffe klar als solche zu erkennen und entsprechend zu deinem eigenen und zum Schutz deiner Kinder zu handeln.

Nachdenken und eine klare Sicht auf die Dinge erlangen zu wollen ist gut, denn es kann zu Erkenntnis führen.
Alles hundertfach zu hinterfragen und so lange im Kreis zu zerdenken bis nichts mehr übrigbleibt was Sinn macht führt hingegen nicht zu Erkenntnis, sondern gehört in den Bereich des sterilen “Hirnwichsens“.

Wenn du einiges gelernt und vielleicht sogar gemeistert hast, dann zeigt sich dein Fortschritt nicht in Angeberei oder indem du gegenüber anderen deine neu gewonnene “Freiheit” heraushängen lässt: Meisterschaft zeigt sich in Zurückhaltung, Bescheidenheit und unaufdringlicher Hilfsbereitschaft.

Wie soll man nun um diese zahllosen und leicht zu verwechselnden Fallen herumnavigieren? Woher sollen wir wissen, was was ist – und wie lernen wir sinnvoll und zuverlässig zu unterscheiden?
Was hilft, ist allein Übung.
Durch Übung erkennt man wiederkehrende Fallstricke, aber auch wiederkehrende zuverlässige Wegweiser. Es ist hilfreich, in einer Gruppe Gleichgesinnter zu üben – so wie es hilfreich ist, in einer Seilschaft auf einen Berg zu klettern.

In den vielen verschiedenen Seminaren die das Institut Namasté seit 1996 anbietet, wird Raum für genau diese Übung im Erkennen geschaffen: Wo sind die Fallstricke, woran erkenne ich einen zuverlässigen Wegweiser – und wie finde ich eine Seilschaft, die mich auf meinem ganz persönlichen Werdegang unterstützt.

Die Sache mit den Leveln

Wer beim Institut Namasté den atemberaubenden, herzerfrischenden, sinnlichen und sinnhaften Weg des Tantra betreten möchte, hat es schwer… und leicht.

Schwer, weil sich einem eine solche Fülle an Veranstaltungen bietet, dass man schier das Handtuch werfen möchte; leicht, weil es zum Glück das System der Level gibt! Dieses System hilft bei der Orientierung, leitet potenzielle Teilnehmer*innen von der ersten Annäherung bis zum fortgeschrittenen Aufbautraining und hilft bei der Auswahl der optimal zur persönlichen Situation passenden Zusatz-Seminare. So kannst du dir dein maßgeschneidertes Tantra-Menü zusammenstellen, von “Ach ich koste erstmal ein bisschen” bis zu “Ja, mir bitte das zehngängige, und ein doppeltes Dessert bitte gleich dazu!”

Alle unsere Seminare haben einen Level-Code, zB. 0/3. Die Null sagt, dass du keinerlei Vorerfahrung dafür brauchst; hast du das Seminar absolviert, landest du auf Erfahrungslevel 3. Entsprechend hieße etwa der Code 4/4 dass du Level 4 brauchst, um das Seminar buchen zu können, doch es erhöht deinen Erfahrungslevel nicht.

Wenn du noch nie irgendetwas mit Tantra gemacht hast, beginnst du am besten auf Erfahrungslevel L0. Dort wartet eine Fülle an Möglichkeiten auf dich: Du kannst den Schnuppertag buchen, oder dir eines der mehrtägigen Einführungsseminare anschauen wie Tantra Oxygen, Fit for Love oder Sinnesfreuden. Ebenso kannst du aber bei elementaren Dingen anfangen, wie einer reinen Männergruppe oder einem unserer drei Seminare speziell für Frauen. Oder du gehst es methodisch an und beginnst deinen Weg zu dir selbst, indem du schon mal vorsorglich in deinem Familiensystem etwas Ordnung schaffst. (Das macht sich später bezahlt, ganz gleich, ob du auf dem tantrischen Pfad bleibst oder nicht.)

Je nachdem wie lang und/ oder anspruchsvoll dein erstes Seminar ist, erreichst du damit Erfahrungslevel L1, L2 oder L3.
Von jedem dieser Level ist der nächste logische Schritt jener zum Basisseminar Atem, Energie & Co., das nicht zufällig Basisseminar heißt: Hier werden die grundlegenden tantrischen Basics vermittelt, wobei es schon intensiver und prozessorientierter zugeht als auf Level 3.
Hast du nach deinem Basisseminar dann L4 erreicht, öffnen sich wie von Zauberhand ganz neue Türen: Jetzt kannst du zum begehrten Jahreswechselseminar Herzenslust, oder auch zum subtilen Berühren & Verführen – doch vor allem: Jetzt hast du die Eintrittskarte für den Großen Bogen!

So kommst du Schritt für Schritt sicher voran, denn die einzelnen Schritte bauen logisch und wohldurchdacht aufeinander auf: Es ist uns ein Anliegen, dass unsere Teilnehmer*innen sich jederzeit zuverlässig gefördert, aber auch angenehm gefordert fühlen!.

Bleiben Level für immer gültig?

Ein L1 wird dir erhalten bleiben, außer du bleibst viele Jahre lang weg; in den allermeisten Fällen wirst du auch einen L4 behalten können.
Je höher hinauf es jedoch geht, desto größer werden die Anforderungen, die die jeweilige Gruppe an dich stellt, und das auf allen Ebenen: Körperlich (hältst du zB. längere Meditationen durch, ohne dass dir das Kreuz abfällt oder die Knie revoltieren?), geistig (wie gut kannst du mit Frustration, enttäuschten Erwartungen, deinem Inneren Beobachter umgehen? Erkennst du deinen Schatten, und wie weit kannst du ihn transformieren?) und nicht zuletzt emotional: Kannst du nicht nur weise Worte von dir geben, sondern hast tatsächlich integriert, dass du selbst für dein Wohlergehen und den Umgang mit deinen Emotionen zuständig bist? Bist du ein inspirierendes Beispiel für andere, oder sind die anderen nach wie vor “Schuld”, wenn es mal nicht so läuft wie du es willst?

Um diese Anforderungen zu erfüllen, ist ein Dranbleiben erforderlich – so wie eine Pilotin ihren Schein verliert, wenn sie nicht regelmäßig absolvierte Flugstunden vorweisen kann. Mit nur einem Seminar in 18 Monaten ist dieses Kriterium schon abgedeckt!
Viele unserer Teilnehmer*innen buchen Seminare bei anderen Veranstalter*innen: Das ist ausgezeichnet, und wir fördern diese wichtige Gegenbewegung zum eindimensionalen Tunnelblick! Doch können die Erfahrungen in anderen Schulen leider nicht als “Dranbleiben” im Sinne der Level-Erhaltung beim Institut Namasté angerechnet werden: Wenn du eine Piper fliegst, ist das großartig und erweitert deinen Horizont, doch wenn du bei uns wieder in eine Cessna steigen möchtest, brauchen wir deinen Nachweis von Cessna-Flugstunden :-).

Kann ich meinen Level verlieren?

Ja, das kommt vor!
Wenn du zB. lange keine Seminare auf dem einmal erreichten Level besuchst und auch keine entsprechenden Übungsabende, dann wird dein Erfahrungslevel allmählich über die Jahre sinken – so wie eine Pflanze welkt, wenn ihr immer weniger Wasser gegeben wird.
Warum?
In deinem eigenen Interesse, und im Interesse der Gruppe, deren Teil du dann wärst: Weder du noch die Gruppe hätten eine Freude, wenn du nach Jahren der Absenz, nach vielen Veränderungen in deiner Weltsicht, im persönlichen, beruflichen und sonstigen Umfeld, unmittelbar wieder auf einem anspruchsvollen tantrischen Level einsteigen würdest. Du kannst aber in kurzer Zeit deinen ehemaligen Level wieder aufbauen – wir helfen dir gerne dabei!

Prompte Korrekturen des Erfahrungslevels nach unten gibt es sehr selten, aber es gibt sie. Sie können zB. erfolgen, wenn jemand im Seminar sich und/ oder andere gefährdet, mit den Seminarregeln klar überfordert ist oder – auf den hohen Levelstufen – langfristig ein Verhalten zeigt, das mit dieser Erfahrungsstufe nicht zusammenpasst.

Was wenn ich wirklich schon viel woanders gemacht habe, bevor ich euch gefunden habe?

Wunderbar! Deine bisherigen Erfahrungen sind wichtig und wertvoll, und sie werden dir ein stabiles Fundament für deine nächsten Schritte bieten. Lass uns darüber plaudern was du jetzt gerade brauchst, und gemeinsam einen maßgeschneiderten Plan basteln, mit dem du deine aktuelle Wachstumsphase optimal unterstützen kannst!

“Wo bleibt die Orgie?”

Wo bleibt die Orgie?

Woran denkst du, wenn du den Begriff “Tantra” hörst?
Wenn du noch keine Tantra-Seminare mit Schwerpunkt auf Selbsterfahrung besucht hast, so wirst du, statistisch gesehen, vermutlich zuerst mal an Sex denken, dann wird dir der Begriff “Tantramassage” einfallen; danach wohl etwas in Richtung “besser, länger, öfter”, “jeder muss dauernd mit jedem, sonst ist man kein ‘Tantriker’ “, oder du erwartest dir doch wenigstens irgendeine Form von Orgie – so ungefähr auf dem Level, wie wir sie auf den Darstellungen der Tempelanlagen von Khajuraho bestaunen.

Eine der zahllosen Szenen der Tempelanlage in Khajuraho, Indien
Eine der zahllosen Szenen der Tempelanlage in Khajuraho, Indien

Wer mit solchen Bildern im Kopf zu einem Tantra-Seminar kommt (wenn er oder sie denn mit solchen Bildern im Kopf überhaupt kommt!), wird je nachdem schwer enttäuscht sein oder erleichtert aufatmen können: Mit Orgien hat das Seminargeschehen so rein gar nichts zu tun!
Du wirst dort hingegen eingeladen zu atmen und verschiedene spannende Atemtechniken auszuprobieren; du hast Gelegenheit, dich spielerisch in eine Katze oder ein Nilpferd zu verwandeln; du begegnest Unbekannten so unmittelbar wie du es aus deinem Alltag nur selten kennst; du erfährst, dass und wie du Einfluss auf deine eigene Energie nehmen kannst.
Das ist für viele eine ganz neue, befreiende Erfahrung; andere hingegen erleben ihre ersten tantrischen Schritte als mühsam und ernüchternd (ja, wo bleibt denn jetzt die Orgie?!).

Hat Tantra eigentlich überhaupt etwas mit Sex zu tun?

Ja, hat es – aber anders als die meisten vermuten.
Sexualität ist im Tantra nicht Selbstzweck, sondern praktisches Mittel mit einem weit höher gesteckten Ziel: Selbsterkenntnis und Befreiung von selbstgerechtem Egoismus.
Tantra hat mit Sex so viel zu tun so wie Räder mit einem Auto: Ein Auto ohne Räder ist nicht funktionstüchtig, doch Räder ohne Auto machen so richtig gar keinen Sinn.

Wenn Tantra-Seminare beim Sex stehenbleiben und nicht darüber hinausgehen, so ist das wie das Versprechen, dich das Fliegen zu lehren – doch dann bringt man dir nur bei, dir Flügel anzuschnallen und fest mit den Armen zu wacheln. Zum Fliegen aber muss man bereit sein, die Erde hinter sich lassen, und Wacheln ist nicht Fliegen.

Im Alltag erleben viele, dass sie sich nach einer Liebesbegegnung nicht gestärkt, innig verbunden und energiegeladen fühlen, sondern das genaue Gegenteil – oft bleibt eine Leere, die wir dann mit Ersatzhandlungen (fernsehen, essen, gamen…) zu füllen versuchen.
Im Tantra gilt Sexualität als heilige, unversiegbare Quelle für Energie.
Damit sie diese Funktion erfüllen kann, brauchen diejenigen, die sich dieser Quelle nähern – wir – , jedoch einen entspannt-natürlichen Zugang zu ihr. Das ist bei den meisten von uns nicht der Fall: Wir sind traumatisiert, neurotisch, egozentrisch, dramafreudig, ängstlich, selbstgerecht und dabei selbstzerstörerisch unterwegs.
Eben darum ist es die Aufgabe vor allem der Einsteigerseminare und des Großen Bogens, Entspannung, Freude, Vertrauen und Aufrichtigkeit wieder wachsen zu lassen.
Jup, das ist Arbeit, und es verlangt Entschlossenheit, Zeit, Energie und Übung. (Sorry, Orgienfreunde!)

Die Resultate dieser Investition in dich selbst sind oft anders als man sie sich ursprünglich ausgemalt hatte.
Ich erinnere mich an ein Paar, das schon viel an sich gearbeitet hatte und sich dann beklagte, dass sie gar nicht mehr “dazu kommen, Tantra zu machen” – sie waren einfach zu beschäftigt, ihre Beziehung wertschätzend zu führen, auf den eigenen emotionalen Haushalt zu schauen, sich der inneren Bewegungen, Ängste, Hoffnungen bewusst zu sein, Flüchtlinge zu betreuen,… und sebstzentriertes Tun, Groll, Hoffnung auf Anerkennung etc. loszulassen.

Das aber wäre eine recht präzise Beschreibung eines in der Wolle gefärbten tantrischen Lebens: Eines wo man selbst gut für sich sorgt, und eben deshalb gerne und in eindrucksvoller Großzügigkeit für andere da sein kann.


© Helena Krivan, 2019

“Ich habe den Himmel gesehen”

“Ich habe 
den Himmel gesehen”

Es ist meine erste Gesangsstunde, und ich bin etwas aufgeregt, aber auch ziemlich von mir überzeugt. Schließlich habe ich mein Leben lang gesungen, und das nicht so schlecht. Jetzt möchte ich aber, dass mich dieser Gesangslehrer, nennen wir ihn Richard, in neue Höhen katapultiert. Buchstäblich.
Mein Projektziel: Ich will die Arie von Rusalka singen können, und zwar so, dass meine Mutter, die mit Smetana großgeworden ist, mit Fug und Recht stolz auf mich sein kann.

Wir machen ein paar Aufwärmübungen. Ich bin nicht zufrieden. Die Stimme klingt belegt, sie rutscht mir weg und kickst… das ging schon mal besser! Ich schiele zu Richard. Er lächelt leise; sein Nicken ermutigt mich, weiterzumachen. Er gibt mir einen kleinen Hinweis und führt mich höher. Es klappt! Die Stimme bleibt voll und klingt leuchtend wie noch nie.
Noch höher.
Und noch höher.

DAS geht jetzt aber nicht mehr! – Doch, nickt er: mach weiter.

Irgendwann nimmt er die Hände von den Tasten, grinst mich an und fragt “Reicht dir das fürs erste?”
Ich bin so überwältigt, ich bringe kein Wort heraus. Ich kann ihn nur fassungslos anstarren und ungläubig den Kopf schütteln.

Wie hat er das gemacht? Wie hat er mich in wenigen Minuten auf eine Ebene gebracht, wo ich noch nie war und von der ich nichtmal zu träumen gewagt hätte?
“Kann ich jetzt auf die Bühne?” frage ich halb im Ernst.

Ein Tantraseminar, so wie wir es verstehen, besteht aus einer fein abgestimmten Perlenkette von Übungen, die aufeinander aufbauen, einander verstärken und möglichst vielen möglichst viele Türen öffnen helfen sollen.
Manche dieser Übungen sind weit verbreitet, traditionell und aus zahlreichen Settings bekannt; andere sind Variationen davon oder ehren Querverbindungen zu nicht-tantrischen Traditionen; wiederum andere erfinden wir selbst: Monate im Voraus, oder direkt vor Ort, weil die Gruppe gerade eine spezielle Dynamik hat.

Manche dieser Übungen können einen direkten Einblick geben in eine höhere Ebene der Wirklichkeit, einen Blick ins “wie es sein könnte“: Wie wäre es, wenn ich keine Angst mehr hätte, mich bedingungslos geliebt fühlte, vorurteilsfrei auf andere zugehen könnte, mich als wesentlicher Teil eines viel größeren Ganzen erfahren würde?
Solche Erlebnisse können lebensverändernd wirken, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Teilnehmer*innen danach für Stunden einen Glückszustand erfahren, den sie kaum beschreiben können, außer vielleicht mit den Worten “Ich habe den Himmel gesehen…”.

Richards Grinsen wird noch breiter. Dann erklärt er es mir.
“Schau”, sagt er, “ich kann hier fast jede Stimme innerhalb kürzester Zeit in ihrem höchsten Potenzial leuchten lassen. In nur einer Stunde kannst du so weit sein, dass du die Königin der Nacht singst. Aber da ist ein Haken: Es hält nicht. Und es macht, unklug angewendet, die Stimme kaputt.”

Was es braucht, erklärt er weiter, ist ernsthafte, konsequente, geduldige Übung.
Geduld! Und das mir! Also, wie lange wird es dauern, bis die Stimme dieses phantastische Niveau halten kann, frage ich.
Richard wiegt bedächtig seinen Kopf. Ich versuche im Geist zu raten. Drei Monate? Fünf vielleicht?
“Gute drei Jahre”, sagt er.
DREI JAHRE! japse ich.

In einem Tantraseminar ungeahnte Gefühlszustände zu erleben, ist fast schon normal. Doch dieser unbeschreibliche Glückszustand, der sich ab und an nach Übungen einstellt, ist leider vorübergehend. Ich kann dir versichern: Nein, du bist noch nicht dauererleuchtet!
Damit dieser Zustand der tiefen Freude wiederkommt – nicht zufällig, sondern weil du ihn herbeigerufen hast -, damit er nach und nach stabiler und ein natürlicher Teil von dir wird, gilt es zu arbeiten: dranbleiben, üben, hartnäckige Muster knacken, Mut beweisen, Gewahrsein und Achtsamkeit vertiefen, und zwar ernsthaft, konsequent und geduldig.
Wie lang, fragst du?
Nun…
Du wirst gute bis sehr gute Resultate schon viel früher als nach drei Jahren einfahren können, keine Sorge. Wie hoch du steigst, hängt ganz allein von dir und deinem persönlichen Einsatz ab.

Ich bin inzwischen seit elf Jahren bei Richard. Die Rusalka habe ich nach zwei Jahren bei einem Hauskonzert gesungen, und meine Mutter war hin und weg.
Berufsbedingt liegen jetzt oft Monate zwischen meinen Gesangsstunden, doch Richard ist jedes Mal verblüfft, wenn ich komme und aus dem Stand singe, als hätten wir gestern erst geprobt.
Die Stimme – über einen langen Zeitraum sogfältig geführt, betreut, gefördert und beharrlich trainiert – hält inzwischen von allein.

Ist alles Sonnenschein, wenn ich es nur will?

Wir haben die Wahl.
Haben wir die Wahl?

Wer glaubt, man könne sich Sonnenschein einfach herbeivisualisieren, ist blauäugig, oder hat sich von positiv-Denkern flachreden lassen. 
Sonnenschein kann man nicht herbeiwünschen; Sonnenschein ist oder ist nicht. 
Oder -?

Wenn mein Kind krank oder mein Mann zu einer anderen gezogen ist, wenn aus der Nachbarwohnung um zwei in der Früh  Heavy Metal röhrt oder ich in Panik bin vor dem morgigen Meeting im Büro, macht es wenig Sinn, wenn ich mir einrede, es sei ganz anders. Auch körperliche Schmerzen – sagen wir mal Ischias – fortdenken (-meditieren, -atmen…) können nur ganz wenige.
Wir Fußvolk sind also darauf angewiesen, mit dem Fehlen des Sonnenscheins irgendwie halbwegs würdevoll umzugehen.

Wenn ich den Sonnenschein nicht haben kann, dann will ich den Regen lieben.

Das ist nicht einfach, aber es geht.
Ein wichtiges Hilfsmittel auf diesem Weg: Lerne den Regen zu lieben!
Na super, sagst du – ich soll jetzt frohlocken, weil das Kind die Masern hat und ich keine Ahnung habe, was ich morgen bei dem Meeting vor all den anderen von mir geben soll -?!

Nein, nicht direkt frohlocken.
Nur… na sagen wir, den Widerstand etwas runterfahren.
So dass ein bisschen Luft wird zum Atmen. (Weil Widerstand ist Angst, und Angst macht eng, und wo es eng ist, lässt es sich nur schwer atmen… und wenn wir nicht gut atmen, können wir weder klar denken noch fein spüren).
Selbst der bestgepflegte Widerstand wird nichts an den derzeit herrschenden Tatsachen ändern und bloß Energie verschlingen. Also mal ein bissl weniger davon, ok?

Gut! 
Jetzt können wir mal durchatmen. Aaaaah.
Regen ist gut für die Landschaft.
Masern sind gut für…? Ok, eine Liste.
Für mein Daheimbleiben mit der Kleinen.
Für eine innigere Verbindung zwischen uns, während ich ihr die verschwitzten Haare aus dem Gesicht streiche.
Für das Vorlesen der schon lange überfälligen Geschichte.
Für die Inspiration, die mir diese Geschichte für das morgige Meeting liefert (Stichwort: Drachen können freundlich sein!).
Für die zehn Minuten atemberaubender Stille, wenn sie dann endlich schläft.
Für dieses ver-rückte Gefühl des Ruhens im Auge des Orkans.

Ist das Sonnenschein?
Kaum.
Aber es ist ein guter, satter Regen. Einer der vieles abwäscht, das lang schon verstaubt lag.
Einer, dem man gerne das Gesicht hinhält und lächelt.
Wenn ich den Sonnenschein nicht haben kann, dann will ich den Regen lieben.


© Dr. Helena Krivan, 2018

Tantra und Klopapier

Tantra und Klopapier

Immer wieder fragen Teilnehmer*innen sich und uns, woran man denn nun eigentlich erkennen kann, ob jemand “tantrisch” ist.
Ist es die Dauer des Liebesspiels? Akrobatische Stellungen? Die Anzahl an absolvierten Seminaren? Oder etwa die Menge an parallel laufenden Beziehungen?
Vielleicht gibt es da einen einfacheren und dabei zuverlässigeren Barometer…

Kennst du das? Du sitzt gemütlich am Klo, wendest dich nach getanem Werk mit einem befreiten Seufzer dem Klorollenhalter zu und… eine leere Klorolle blickt dir vorwurfsvoll ins Gesicht. Nichts mehr da, nur noch die blanke Kartonrolle. Oder vielleicht hat dein Vor-Sitzender noch ein Restfetzchen von Klopapier drangelassen, um mit diesem Feigenblatt die eigene Bequemlichkeit zu bedecken; du aber sitzt jetzt da mit einem Problem.

Diese Situation kann stellvertretend stehen für viele andere, wo “Freiheit” von lästigem Zwang und beengender Konvention eingefordert wird, sich aber bei näherer Betrachtung als guter alter Egoismus entpuppt. Wenn sich nun jemand näher mit Tantra befasst, so werden irgendwann Fragen zur persönlichen Freiheit auftauchen. Klingt doch so schön, und wir alle wollen natürlich möglichst frei sein! Frei von Altlasten, Ängsten, Zweifeln, frei von alten Mustern und Schmerzen.

Und hier lauert auch das Missverständnis, das sich gerne einschleicht: Freiheit von alten Mustern bedeutet keineswegs, dass man sich auch von Rücksichtnahme, Freundlichkeit, Höflichkeit, Respekt und Zuvorkommenheit verabschiedet. Im Gegenteil: Je “tantrischer” du bist, desto selbstverständlicher wird es sich anspüren, anderen ohne Nachdenken eine große oder kleine Mühe abzunehmen, weniger eine Belastung und mehr ein Beitrag zum gemeinsamen Zusammenleben zu sein, auf die “Freiheit” deines ungebremsten Gefühlsausdrucks locker zu verzichten und, statt jemandem (so authentisch! So spontan!) deine ungefilterte Meinung zu sagen, dich höflich zu entschuldigen. Selbst wenn du gar nichts dafür konntest.

Was das alles mit Tantra zu tun hat, fragst du?
Es hat ganz viel mit Ego zu tun (das ist derjenige Anteil von dir, der beim “entschuldigen, obwohl ich gar nichts dafür konnte” empört aufgejault hat).
Vieles was uns täglich begegnet lädt uns ein, unser ohnehin schon buschiges Ego noch weiter wuchern zu lassen. Das können wir tun, und wir können es nennen wie immer wir möchten – aber es ist ganz gewiss nicht Tantra.
Tantra führt weg vom Ich.

Tantriker – richtige Tantriker! – ersetzen ihre aufgebrauchten Klorollen.
Daran (unter anderem 😉 ) sollst du sie erkennen.

© Helena Krivan, 2018