“Ich habe den Himmel gesehen”

“Ich habe 
den Himmel gesehen”

Es ist meine erste Gesangsstunde, und ich bin etwas aufgeregt, aber auch ziemlich von mir überzeugt. Schließlich habe ich mein Leben lang gesungen, und das nicht so schlecht. Jetzt möchte ich aber, dass mich dieser Gesangslehrer, nennen wir ihn Richard, in neue Höhen katapultiert. Buchstäblich.
Mein Projektziel: Ich will die Arie von Rusalka singen können, und zwar so, dass meine Mutter, die mit Smetana großgeworden ist, mit Fug und Recht stolz auf mich sein kann.

Wir machen ein paar Aufwärmübungen. Ich bin nicht zufrieden. Die Stimme klingt belegt, sie rutscht mir weg und kickst… das ging schon mal besser! Ich schiele zu Richard. Er lächelt leise; sein Nicken ermutigt mich, weiterzumachen. Er gibt mir einen kleinen Hinweis und führt mich höher. Es klappt! Die Stimme bleibt voll und klingt leuchtend wie noch nie.
Noch höher.
Und noch höher.

DAS geht jetzt aber nicht mehr! – Doch, nickt er: mach weiter.

Irgendwann nimmt er die Hände von den Tasten, grinst mich an und fragt “Reicht dir das fürs erste?”
Ich bin so überwältigt, ich bringe kein Wort heraus. Ich kann ihn nur fassungslos anstarren und ungläubig den Kopf schütteln.

Wie hat er das gemacht? Wie hat er mich in wenigen Minuten auf eine Ebene gebracht, wo ich noch nie war und von der ich nichtmal zu träumen gewagt hätte?
“Kann ich jetzt auf die Bühne?” frage ich halb im Ernst.

Ein Tantraseminar, so wie wir es verstehen, besteht aus einer fein abgestimmten Perlenkette von Übungen, die aufeinander aufbauen, einander verstärken und möglichst vielen möglichst viele Türen öffnen helfen sollen.
Manche dieser Übungen sind weit verbreitet, traditionell und aus zahlreichen Settings bekannt; andere sind Variationen davon oder ehren Querverbindungen zu nicht-tantrischen Traditionen; wiederum andere erfinden wir selbst: Monate im Voraus, oder direkt vor Ort, weil die Gruppe gerade eine spezielle Dynamik hat.

Manche dieser Übungen können einen direkten Einblick geben in eine höhere Ebene der Wirklichkeit, einen Blick ins “wie es sein könnte“: Wie wäre es, wenn ich keine Angst mehr hätte, mich bedingungslos geliebt fühlte, vorurteilsfrei auf andere zugehen könnte, mich als wesentlicher Teil eines viel größeren Ganzen erfahren würde?
Solche Erlebnisse können lebensverändernd wirken, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Teilnehmer*innen danach für Stunden einen Glückszustand erfahren, den sie kaum beschreiben können, außer vielleicht mit den Worten “Ich habe den Himmel gesehen…”.

Richards Grinsen wird noch breiter. Dann erklärt er es mir.
“Schau”, sagt er, “ich kann hier fast jede Stimme innerhalb kürzester Zeit in ihrem höchsten Potenzial leuchten lassen. In nur einer Stunde kannst du so weit sein, dass du die Königin der Nacht singst. Aber da ist ein Haken: Es hält nicht. Und es macht, unklug angewendet,  die Stimme kaputt.” Was es braucht, erklärt er weiter, ist ernsthafte, konsequente, geduldige Übung.
Geduld! Und das mir! Also, wie lange wird es dauern, bis die Stimme dieses phantastische Niveau halten kann, frage ich.
Richard wiegt bedächtig seinen Kopf. Ich versuche im Geist zu raten. Drei Monate? Fünf vielleicht?
“Gute drei Jahre”, sagt er.
DREI JAHRE! japse ich.

In einem Tantraseminar ungeahnte Gefühlszustände zu erleben, ist fast schon normal. Doch dieser unbeschreibliche Glückszustand, der sich ab und an nach Übungen einstellt, ist leider vorübergehend. Ich kann dir versichern: Nein, du bist noch nicht dauererleuchtet!
Damit dieser Zustand der tiefen Freude wiederkommt – nicht zufällig, sondern weil du ihn herbeigerufen hast -, damit er nach und nach stabiler und ein natürlicher Teil von dir wird, gilt es zu arbeiten: dranbleiben, üben, hartnäckige Muster knacken, Mut beweisen, Gewahrsein und Achtsamkeit vertiefen, und zwar ernsthaft, konsequent und geduldig.
Wie lang, fragst du?
Nun…
Du wirst gute bis sehr gute Resultate schon viel früher als nach drei Jahren einfahren können, keine Sorge. Wie hoch du steigst, hängt ganz allein von dir und deinem persönlichen Einsatz ab.

Ich bin inzwischen seit elf Jahren bei Richard. Die Rusalka habe ich nach zwei Jahren bei einem Hauskonzert gesungen, und meine Mutter war hin und weg.
Berufsbedingt liegen jetzt oft Monate zwischen meinen Gesangsstunden, doch Richard ist jedes Mal verblüfft, wenn ich komme und aus dem Stand singe, als hätten wir gestern erst geprobt.
Die Stimme – über einen langen Zeitraum sogfältig geführt, betreut, gefördert und beharrlich trainiert – hält inzwischen von allein.

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